“Es gibt Wichtigeres im Leben, als beständig dessen Geschwindigkeit zu erhöhen.” — Mahatma Gandhi
Mein persönliches KI-Paradoxon
Ich muss etwas gestehen. Als jemand, der sich beruflich mit Veränderungsprozessen beschäftigt und andere Menschen dabei begleitet, neue Wege zu gehen, bin ich selbst in eine Falle getappt. Eine Falle, die sich ausgerechnet als Fortschritt verkleidet hat.
Seit vier Jahren teste ich KI-Tools. Nicht eins, nicht zwei. Ich habe aufgehört zu zählen. ChatGPT, Claude, Gemini, Copilot, diverse Schreib-Assistenten, Bild-Generatoren, Automatisierungs-Tools. Jede Woche taucht ein neues auf, das verspricht, alles noch besser, noch schneller, noch effizienter zu machen.
Und ich bin ehrlich: Ich bin KI-addicted. Als Wirtschaftsinformatiker schlägt mein Herz für Technologie. Ich finde es großartig zu sehen, was in den letzten Jahren passiert ist. Die Geschwindigkeit des Fortschritts ist faszinierend. Neue Tools ausprobieren fühlt sich an wie Weihnachten. Jedes Mal denke ich: Das ist es jetzt. Das verändert alles. Gleichzeitig macht mir diese Entwicklung auch Sorge. Als Coach, aber auch als Vater. Was bedeutet das alles für die nächste Generation? Dazu werde ich in einem eigenen Beitrag mehr schreiben.
Und was ist passiert? Ich bin langsamer geworden.
Nicht mehr ist mehr, sondern das Richtige ist mehr.
Das klingt so offensichtlich, wenn man es liest. Aber im Alltag fühlt es sich anders an. Da sitzt man abends um 22 Uhr und vergleicht das dritte Prompt-Engineering-Tutorial, um herauszufinden, ob Tool A oder Tool B besser für die eigene Arbeit geeignet ist. Man startet mit Begeisterung, investiert Stunden in Einrichtung und Einarbeitung und stellt dann fest: Der konkrete Mehrwert? Überschaubar. Aber das nächste Tool wartet ja schon.
Die Ambivalenz der unbegrenzten Möglichkeiten
Was mich am meisten beschäftigt, ist die Ambivalenz. Ich weiß, dass KI-Tools enormes Potenzial haben. Ich nutze sie täglich und möchte sie nicht mehr missen. Gleichzeitig habe ich meinen perfekten Tool-Mix bis heute nicht gefunden. Und ich bin mir nicht sicher, ob es ihn überhaupt gibt.
Kennen Sie das? Sie lesen einen begeisterten Erfahrungsbericht über ein neues Tool, probieren es aus, richten es ein, und nach zwei Wochen merken Sie: Das löst ein Problem, das Sie vorher gar nicht hatten. Oder es löst Ihr Problem, aber erzeugt dabei drei neue.
Das ist kein individuelles Versagen. Das ist ein systemisches Muster. Und als Systemischer Coach erkenne ich dieses Muster auch aus ganz anderen Kontexten.
Was das mit Paradoxer Intervention zu tun hat
In meinem ersten Artikel zu diesem Thema habe ich beschrieben, wie ich meinem Sohn Constantin beim Zähneputzen gesagt habe, er solle lauter schreien, damit der Nachbar ihn hören kann (Link zum Artikel). Das Ergebnis: Er hörte auf zu schreien. Das Unerwartete löste den Knoten.
Im zweiten Artikel habe ich die Grundlagen der Methode erläutert (Link zum Artikel). Viktor Frankl beschrieb das Prinzip bereits in den 1950er Jahren: Manchmal führt der Weg zur Veränderung über das genaue Gegenteil dessen, was wir instinktiv tun würden.
Und genau hier wird es interessant. Denn was tun die meisten von uns, wenn sie das Gefühl haben, nicht Schritt zu halten mit der digitalen Entwicklung?
- Noch ein Tool ausprobieren
- Noch einen Workflow optimieren
- Noch eine Automatisierung einrichten
- Noch schneller, noch mehr, noch effizienter
Wir versuchen, das Problem mit genau der Strategie zu lösen, die das Problem erzeugt hat. Mehr vom Gleichen. Das ist, als würde man lauter schreien, weil niemand zuhört.
Das “Too Fast to Think”-Paradoxon
Aktuelle Studien bestätigen, was viele von uns im Alltag längst spüren. Deloitte hat 2025 festgestellt, dass nicht mehr das Arbeitsvolumen die Hauptursache für Burnout ist, sondern kognitive Überlastung: zu viele Entscheidungen, zu viele Wechsel zwischen Tools und Kontexten, zu viel gleichzeitige Verarbeitung.
Unser Gehirn ist evolutionär nicht dafür gemacht, permanent zwischen Chat-Fenstern, KI-Assistenten, E-Mails und Video-Calls zu springen. Die vermeintliche Effizienz kippt irgendwann in ihr Gegenteil.
Und hier kommt die Paradoxe Intervention ins Spiel.
Drei paradoxe Übungen für den Arbeitsalltag
Was wäre, wenn wir das Gegenteil von dem tun, was uns der Optimierungsreflex sagt? Hier sind drei Ansätze, die ich selbst ausprobiert habe:
1. Der bewusste Tool-Stopp
Anstatt das nächste neue KI-Tool zu testen, habe ich mir vorgenommen, drei Monate lang kein einziges neues Tool auszuprobieren. Nur mit dem arbeiten, was da ist. Klingt langweilig? Genau das ist der Punkt. Die Langeweile zwingt dazu, das Vorhandene wirklich zu verstehen und auszureizen. Oder festzustellen, dass man es gar nicht braucht.
2. Die geplante Ineffizienz
Einmal pro Woche erledige ich eine Aufgabe bewusst ohne jede digitale Hilfe. Brief statt E-Mail, Notizbuch statt App, Telefonat statt Chat. Das fühlt sich zunächst wie ein Rückschritt an. Aber es erzeugt eine andere Art von Aufmerksamkeit. Langsameres Denken. Und oft bessere Ergebnisse.
3. Die umgekehrte Frage
Statt zu fragen “Welches Tool macht mich produktiver?” frage ich: “Was würde passieren, wenn ich dieses Tool ab morgen nicht mehr nutze?” Die Antwort ist erstaunlich oft: Nichts Schlimmes. Und das ist eine befreiende Erkenntnis.
Der menschliche Willen ist bisweilen wie ein Esel, der einfach nicht in den Stall gehen will, so sehr der Bauer auch zieht und schiebt. Die einzige Möglichkeit, ihn in den Stall zu bewegen, ist ein Ziehen in die entgegengesetzte Richtung.
Dieses Zitat aus meinem ersten Artikel hat nichts von seiner Aktualität verloren. Nur dass der Esel heute nicht im Stall steht, sondern vor einem Bildschirm mit 47 offenen Tabs.
Die eigentliche Frage
Ich bin überzeugt: Die spannendste Entwicklung der nächsten Jahre wird nicht sein, welche neuen KI-Tools auf den Markt kommen. Sondern wie wir lernen, bewusst mit ihnen umzugehen. Oder bewusst auf sie zu verzichten.
Paradoxe Intervention bedeutet nicht, Technik abzulehnen. Es bedeutet, den Automatismus zu durchbrechen. Das reflexhafte “Mehr, schneller, effizienter” zu unterbrechen und zu fragen: Was brauche ich wirklich?
Vielleicht ist der mutigste Schritt in der digitalen Transformation nicht der nächste Klick, sondern die bewusste Pause davor.
Zum Schluss
Haben Sie ähnliche Erfahrungen mit der KI-Tool-Flut gemacht? Oder einen ganz anderen Umgang damit gefunden? Ich freue mich über Ihre Rückmeldung per Mail oder über LinkedIn.
P.S.: Ja, das Titelbild dieses Artikels wurde mit einem KI-Modell generiert. Die Ironie ist mir bewusst.